Mittwoch, 9. Januar 2013

Eine Schachtel Alltag - Mühlengespräche mit Nikola Hahn (1)

Thoni Verlag: Die Wassermühle erschien erstmals im Jahr 2000. Im Januar 2013 haben Sie den Roman im Thoni Verlag als eBook herausgegeben. Was bedeutet der Zusatz neu bearbeitete und aktualisierte Ausgabe?

Nikola Hahn: Ursprünglich wollte ich nur die Rechtschreibung an die neuen Regeln anpassen, aber ich stellte erstaunt fest, wie sehr sich die Welt in den vergangenen dreizehn Jahren verändert hat. Ich hatte Die Wassermühle seinerzeit als zeitgenössischen Roman konzipiert, und das wurde dann mein Anspruch beim Überarbeiten: die Geschichte aus dem Alltag von heute zu erzählen. Mit einem bisschen Satzkosmetik war es da leider nicht getan.

Thoni: Das heißt konkret?

N.H.: Dass sich nicht nur gewisse „Modeerscheinungen“ überlebt haben, sondern vor allem die Kommunikationstechnik mittlerweile erheblichen Einfluss auf unser Leben nimmt: Telefone standen noch vor einigen Jahren in der Regel als Festanschluss im Flur oder Wohnzimmer; Handys waren Ende der 1990er Jahre, als ich an der Urfassung der Wassermühle schrieb, zwar hier und da genutzte Zusatzkommunikationsmittel, aber keinesfalls ständiger Begleiter aller Altersgruppen, wie es inzwischen der Fall ist. Auch das Internet war nicht so bestimmend wie heute und die Social Media steckten noch in den Anfängen. Es bedurfte also einiger Überlegungen, meine Geschichte in die Jetztzeit zu überführen. Dazu gehörten auch so profane Dinge wie das vor einem Jahrzehnt noch durchgängig übliche Bezahlen per Scheck, die in der Erstfassung noch munter diskutierte Rechtschreibreform oder das Hochkurbeln von Autoscheiben per Hand. Auch gewisse Abläufe in der polizeilichen Arbeit musste ich überdenken und anpassen.

Thoni: Sie haben also tatsächlich ganze Teile des Romans umgeschrieben?

N.H.: Sagen wir so: Ich habe darauf geachtet, die Logik der Geschichte wiederherzustellen. Zum Glück hat Polizist Klaus eine nervige Mutter, die ihn dazu nötigt, sein Handy öfter mal auszuschalten, wenn er Ruhe haben will. Und in der alten Mühle im tiefsten Odenwald ist der Mobilfunkempfang ohnehin bescheiden. Fensterkurbeln gibt es nur noch in Hedis altersschwachem VW-Bus, und die Beförderungssituation bei der hessischen Polizei hat sich für Klaus insoweit verbessert, dass er inzwischen schon zu Beginn des Romans als Oberkommissar Streife fährt. Was wiederum eine Erklärung nach sich zog, warum ihn der Dienststellenleiter trotzdem nicht leiden kann.

Thoni: Haben Sie die Geschichte darüber hinaus auch inhaltlich bearbeitet?

N.H.: Hier und da waren Anpassungen nötig, weil der zeitliche Bezugsrahmen nicht mehr stimmte. So konnte Klaus mit seinen Kindern nicht mehr, wie noch in der Erstausgabe behauptet, im Foyer des Sheraton-Hotels in Offenbach Wasserball gespielt haben, weil der Umbau vom Parkbad zum Hotel zu lange zurücklag, eben in den 1990er Jahren.

Thoni: Jetzt mal ehrlich: Welcher Leser merkt denn das überhaupt?

N.H. (grinst): Wahrscheinlich keiner. Aber ich bin ja in allen meinen Büchern sehr akribisch mit der Recherche. Und wenn ich historisch belegbare Details nenne, sollten sie auch stimmen. Bei einigen Dingen habe ich mir allerdings bewusst ein bisschen chronologische Freiheit erlaubt. Den Altbau des Offenbacher Stadtkrankenhauses (das übrigens auch bald nicht mehr als solches existieren wird, wenn man den Zeitungsberichten glauben kann) habe ich weiterhin „in Nutzung“, ebenso gewisse etwas ältere, aber durchaus heute noch neckisch klingende Zeitungsberichte. Auch der „aus dem Leben gegriffene“ Dialog von Dragan und Alder von anno 1998 und die malenden Katzen, die in den späten 1990ern eine Zeitlang durch die Medienlandschaft geisterten und mich zu Kättaat inspirierten, haben es in die Neuauflage geschafft.

Thoni: Wenn man die alte Printfassung mit der neuen eBook-Variante vergleicht, fällt auf, dass Sie auch an der Sprache gefeilt und die Dialoge gestrafft haben.

N.H.: Das war eine Arbeit, die mir besondere Freude gemacht hat. Die Erstauflage des Romans wurde damals von einer Außenlektorin ohne Rücksprache mit mir und recht oberflächlich bearbeitet. Es hätten durchaus noch die einen oder anderen Streichungen und Glättungen vorgenommen werden können. Das habe ich nun nachgeholt. Andererseits habe ich aber auch Informationen hinzugefügt, beispielsweise um die Biografien der Protagonisten für den Leser plastischer zu machen.

Thoni: Es gibt in Ihrem Roman zwei große Erzählstränge: der eine behandelt die Geschichte von Hedi Winterfeldt, die mit ihrer etwas überdrehten Freundin Vivienne in eine alte Wassermühle im Odenwald zieht, der andere das berufliche Leben von Hedis Ehemann Klaus, der als Streifenpolizist mit seiner jungen Kollegin allerlei Widrigkeiten des polizeilichen Alltagslebens zu bewältigen hat. Welche der beiden Geschichten war Ihnen wichtiger zu erzählen?

N.H.: Beide sind mir gleich wichtig. Sowohl die junge Polizistin Dagmar, mit der Klaus anfangs so seine Schwierigkeiten hat, als auch die etwas überkandidelte Künstlerin Vivienne, die ein ganz anderes Leben führt als die berufstätige Mutter und Ehefrau Hedi, sind mehr als bloße Staffage.

Thoni: Vivienne erscheint anfangs als Frau, die ihre Wünsche ans Leben voll erfüllen konnte. Im Laufe der Geschichte wird aber deutlich, dass nicht die vom Alltag frustrierte Hedi, sondern die vorgeblich selbstbestimmte Künstlerin die eigentlich tragische Figur ist.

N.H.: Ja. Für ihre Bilder, die, wie sie sagt, Teil ihrer Seele sind, bekommt sie keine Anerkennung, und Liebe erfährt sie bestenfalls als One-Night-Stand. Sie verleugnet nicht nur ihr Alter, sondern auch ihre Ideale. Nur Hedi, die sich – zu Recht –  über sie aufregt, spürt, dass Vivienne bei allen Lügen, die sie ihr und anderen auftischt, eines zutiefst ehrlich meint: Malen ist mein Leben. Aber sie kann dieses Leben mit niemandem teilen.

Thoni: Sie malen ja auch. Sind das Erfahrungen aus Ihrem „künstlerischen Ich“?

N.H. (lacht): Nein. Aber die Exaltiertheit, um nicht zu sagen Blasiertheit gewisser Leute auf die Schippe zu nehmen, die meinen, einen Alleinanspruch auf die Definition wahrer Kunst zu haben, hat mir schon Spaß gemacht. Und „der Maler des Lichts“, Claude Monet, ist nicht nur Viviennes, sondern auch mein großes Vorbild. Vor allem, weil er seinen Garten mit seiner Kunst zu verbinden wusste. Das Spiel mit dem Licht lebe ich allerdings vorwiegend fotografierend aus, wobei ich, ähnlich wie Monet, meinen Garten als Motivspeicher nutze. Bei meinen Zeichnungen bevorzuge ich hingegen die Abstraktion, experimentiere aber auch mit der Wirkung von Farben. Das Faible für Farben und ihre Bedeutung in der Kunst und im Leben habe ich also mit Vivienne gemeinsam. Die von ihr zitierten Werke, insbesondere Kunst der Farbe von Johannes Itten, stehen seit vielen Jahren in meinem Bücherschrank.

Thoni: Vivienne ist aber auch eine Figur, über deren Verdrehtheit der Leser herzlich lachen kann. Genauso wie über die Streiche des wirklich unglaublich ungezogenen Christoph-Sebastian. Gab es diesbezüglich reale Vorlagen in Ihrem Leben?

N.H.: Christoph-Sebastian hat gleich zwei reale Entsprechungen, die meinen Mann und mich samt ihrer überforderten Eltern vor Jahren einmal ein ganzes Wochenende lang heimgesucht haben. Dass mit den bloßen Händen in die Nudelschüssel gegriffen wurde, war noch das kleinste Malheur. Wir waren so leichtsinnig, mit ihnen essen zu gehen. Das Restaurant habe ich danach nie wieder betreten. Wie Hedi im Roman haben mein Mann und ich versucht, den Blagen wenigstens innerhalb unseres Hauses Grenzen zu setzen. Das Problem waren allerdings, das muss man ehrlich sagen, weniger die Kinder, sondern die Unfähigkeit und Gleichgültigkeit ihrer Eltern.
Einige der im Roman erzählten Anekdoten stammen aus meiner eigenen Kindheit, zum Beispiel der angriffslustige Hofhahn, der als Mittagessen endete, die Maus samt der Katze im Federbett oder der „Elfmeter“, bei dem der Schuh in die Dachrinne flog. Der Schütze war mein Vater, und mein Bruder und ich haben uns gekringelt vor Lachen. Zum Glück war das Dach unseres Hauses solider als das der Eichmühle, und wir mussten nur den Schuh wieder herunterholen. Für mich als Schriftstellerin sind solche Erlebnisse natürlich eine sprichwörtliche Steilvorlage ...

Thoni: Ebenso wie die Erfahrungen einer Polizistin?

N.H.: Allerdings. Irgendwann, sagte ich, schreibe ich ein Buch über all das. Bestimmt schmeißen sie mich dann raus. Das habe ich am 1. Januar 1988 in meinem Tagebuch notiert und in meinem Buch Die Startbahn veröffentlicht. Damals dachte ich, dass (m)eine Geschichte über die Polizei diese so prägende Erfahrung der „Startbahnmorde“ beinhalten müsse, die ich 1987 unmittelbar miterlebte. Ich entschloss mich dann aber, dafür die Form einer Erzählung zu wählen und den Roman vorwiegend heiter zu verfassen.
Viele Jahre lang stand auf meinem Schreibtisch ein Kästchen, in dem ich allerlei Kuriositäten sammelte, die mir im polizeilichen Alltag in die Finger kamen: Anhörbögen, Strafanzeigen, schriftliche Mitteilungen der Leute an Versicherungen, krude Formulierungen aus Vermerken und Berichten, Gerichtsurteile. Aber auch Merk-Würdiges aus der Tagespresse, wie zum Beispiel der Artikel über den zu intelligenten Polizeibewerber, fand den Weg in meine „Zettelbox“. Nachdem ich alles rausgestrichen hatte, was irgendwelche Rückschlüsse auf Sache oder Personen zugelassen hätte, habe ich das Kästchen meinen Protagonisten übereignet; vor allem Klaus’ Chef Michael Stamm zitiert im Roman mit Vergnügen daraus. Den glücklichen Türöffnungswinkel aus Kapitel 13, der den armen Klaus beinahe zur Verzweiflung treibt, habe ich 1992 in voller Länge unter „Kurioses“ in der Hessischen Polizeirundschau veröffentlicht.
Gespenster mittels Funkgerät zu vertreiben, sich mit zeternden oder sonstwie seltsamen Bürgern auseinanderzusetzen, wie es Klaus und Dagmar im Roman tun, all das gehörte tatsächlich zu den Aufgaben, die ich als junge Streifenpolizistin zu erledigen hatte. Die Lichtbildvorlage mit dem türkischen Mitbürger, der lauthals über die Kanaken in Deutschland schimpft, habe ich während meiner Zeit im Einbruchskommissariat durchgeführt, und Ayse Söngül, die in Wirklichkeit natürlich anders hieß, hat mir ihre traurige Geschichte, wie im Roman Klaus und Dagmar, bei einer Ermittlung erzählt. Meinem Zettelkasten und damit dem realen Leben entnommen ist auch die Strafanzeige jenes Zeitgenossen, den ich im Roman Dr. Türmann getauft habe, wegen der vorgeblich falsch frankierten Büchersendung. Die Akte kam als Ermittlungsauftrag der Staatsanwaltschaft ins Betrugskommissariat, wo ich damals arbeitete. Ich habe deswegen mit meinem Chef einen Streit vom Zaun gebrochen, weil ich mich veräppelt fühlte. In diese Zeit fiel auch die Gerichtsverhandlung, die Dagmar im Roman als Einakter aufführt. Was meine Zeit im Streifenwagen anging, so war sie zwar, auf meine gesamte Polizeilaufbahn gerechnet, nicht sehr lang, zuweilen aber überaus lustig.

Thoni: Manchmal bleibt einem das Lachen aber auch im Hals stecken. Die Szene, in der Klaus und seine Kollegin die Todesnachricht überbringen, geht unter die Haut.

N.H.: Auch das ist ein Teil des polizeilichen Alltags. Wie im Roman beschrieben, gibt es kein Richtig oder Falsch, und schon gar keine Patentlösung, wenn man, auf welchen Wegen auch immer, mit dem Tod konfrontiert wird. Erfahrung und Routine können helfen, aber alle Gefühle vermögen sie nicht einzufangen. Auch der dienstlich erfahrene Polizist Klaus streift ein solches Erlebnis nicht einfach mit den Kleidern ab. Vor allem, wenn er noch dazu private Probleme hat.

 
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Kommentare:

  1. Interessante Interview Nikola,

    thoni soll auch auf TH. abgekürzt werden.

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    1. Logisch wäre es, ja. Aber so ist`s nun mal publiziert :)
      Und danke fürs Lob :)))

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